Die Nähe bringt´s
Quelle Lebensmittelpraxis Ausgabe 13_2019 von Dieter Druck
Foto: Anita Gall
Bessere Zeiten für den Nahversorger? Rainer Utz, Geschäftsführer der Lebensmittelgroßhandlung Utz, ist zuversichtlich, dass dieser wieder Leben in die Ortsmitte bringt und sich über den persönlichen Kundenkontakt im Wettbewerb behauptet. Ein Lagebericht.
Hat die Nahversorgung inzwischen einen anderen Status?
Rainer Utz: Die Nahversorgung ist kein Bereich des Lebensmittelhandels, der sich durch besondere Dynamik hervortut. Aber in unserem Vertriebsportfolio ist dieses Geschäftsfeld stabil. Das Gros sind nach wie vor selbstständige Betreiber, wobei aber die Zahl der Eröffnungen echter Dorf- oder Bürgerläden in unserer Vertriebsregion zunimmt. Wir haben jedenfalls unseren Nahversorgerumsatz gehalten. Aber wir sind auch aktiv.
Was heißt das?
Schröder: In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der von uns belieferten „Bürgerläden“ von 28 auf 51 gestiegen. Derzeit begleiten wir 38 Projekte der Nahversorgung, die planen, einen Dorfladen zu eröffnen. Pro Jahr sind es für dieses Konzept zwischen 15 und 20, die eröffnen, davon siedeln rund 60 Prozent in Bayern.
Was umfasst Ihre Betreuung?
Utz: Das Ganze ist sehr umfassend und zeitintensiv, weil wir von der Standortanalyse über die Technik bis zum Sortiment und Serviceangeboten sehr individuell analysieren und beraten. Eine Filialisierung der Nahversorgung ist aus unserer Sicht kaum möglich.
Das deutet auf eine positive Entwicklung hin. Aber ist der Nahversorger überhaupt noch gefragt?
Der Nahversorger ist eine gewünschte Institution in vielen Gemeinden. Er erfährt öffentliche Unterstützung durch die kommunale Politik und Förderung auf Landesebene, weil er nicht nur Einkaufsstätte, sondern gleichzeitig Treff- und Kommunikationsmittelpunkt im Dorf ist. Der Nahversorger ist kein Miniatur-Supermarkt.
Wie steht es um die Wettbewerbsfähigkeit?
Schröder: Die Mobilität auf dem Land ist heute höher als vor zehn Jahren. Damit sind Discounter und die großen Vollsortimenter auch auf dem Land immer in Reichweite. Bei weiterhin steigender Flächenverdichtung im LEH spürt der Nahversorger den Wettbewerbsdruck. Aber die fußläufige Erreichbarkeit ist heute ein gewichtiges Argument bei der Einkaufsstättenwahl.
Sind das vornehmlich die Discounter, die einem das Leben schwermachen?
Utz: Sie sind ein Teil des Wettbewerbs. In unserer Region sind beispielsweise die Treff-3000-Filialen der Edeka Südwest größtenteils auf das Netto-Konzept umgestellt worden, und das spürt man. Auch wird der Wochenendkauf überwiegend dort oder in anderen Supermärkten getätigt. Da machen wir uns nichts vor. Beim Nahversorger geht es eher um die Deckung des täglichen Bedarfs. Und dann spielt noch ein anderer Aspekt hinein. Die neuen Einkaufstätten, ob discountierend oder nicht, siedeln meist am Ortsrand. Die Bestrebungen der Bürgermeister gehen jedoch dahin, auch die Ortsmitte wieder zu beleben und nicht nur Neubaugebiete in Randlage anzubieten. Und in der Dorfmitte hat der klassische Nahversorger seinen Platz.
Welche weiteren Hürden hat der „Kleine“ zu nehmen?
Ein zentraler Punkt ist, wie in anderen Handelsbereichen, die Rekrutierung guter Mitarbeiter. Dabei kann das Gros der Nahversorger Arbeitsplätze mit zeitlich hoher Flexibilität bieten, die gut mit der Familie vereinbar sind. Auch der Mindestlohn ist kein Thema. Hinzu kommt oftmals ein schlechtes Ansehen bei Banken, wenn es um Kredite geht sowie die jährlich anfallenden Prüfungsgebühren für eine Genossenschaft in Höhe von rund 2.500 Euro. Aber in diesem Punkt zeichnet sich etwas Entspannung ab, mit Einführung einer kostengünstigeren Alternative.
Wird Ihrer Einschätzung nach der Onlinehandel mit Lebensmittel die Nahversorgung verändern?
Matthias Utz: Sicherlich wird sich der Onlinehandel weiter entwickeln. Maßgebliche Einflüsse erkenne ich, insbesondere in den ländlichen Regionen, aber bislang nicht. Online bedeutet auch ein anderes Einkaufsverhalten. Solche Veränderungen vollziehen sich nicht von heute auf morgen. Die Big Player konzentrieren sich aktuell hauptsächlich auf Ballungsräume, weil die letzte Meile sehr aufwendig und damit teuer ist. Click & Collect ist bislang auch keine duchgänige Lösung und die Installation von Packstationen ist ebenso nicht weit fortgeschritten, ganz zu schweigen vom autonomen Fahren. Also, es relativiert sich doch einiges im Laufe der Zeit.
Sind die Tankstellen zwischenzeitlich ein Teil der zukunftsorientierten Nahversorgung wie vor einem guten Jahrzehnt einmal proklamiert?
Utz: Aus unserer Sicht eher nicht. Sie orientieren sich mehr am Outof-home-Verzehr denn am klassischen Lebensmittelsortiment.
Ist die urbane Nahversorgung eine Option für Ihr Unternehmen?
Schröder: Nicht in unserem Vertriebsgebiet. Diese Formate, wenn sie Rewe to go oder Edeka Express als Beispiele nehmen, sind ausgerichtet auf Hochfrequenz-Standorte in Großstädten und fokussieren stark auf Ultrafrische, Convenience-Produkte. Das ist eine andere Welt.
Wie kann sich dann der kleine Nahversorger profilieren?
Wie gesagt, durch die direkte, meist persönliche Kundenbeziehung, durch die Nähe und, was sich in den vergangenen Jahren gezeigt hat, durch regionale, noch besser lokale Produkte. Die kann man glaubwürdig verkaufen. Dabei spielt auch der Preis keine Rolle, wobei wir durch die Markant-Eigenmarke „Jeden Tag“ auch den Preiseinstieg auf Discountniveau anbieten.
In welchen Bereich liegt die Artikelzahl gesamt?
Utz: Zwischen 2.500 und 4.000. Damit bilden wir ein Vollsortiment ab, das natürlich nicht in die Tiefe und Breite geht.
Gastronomie ist ein großes Thema in nahezu allen Handelsformaten. Auch bei den Kleinen?
Utz: Hier ist es vor allem das Kernthema Frühstück, insbesondere wenn der Laden an einer Durchgangsstraße liegt. Das heißt aber auch frühe Öffnung und entsprechender Personalbedarf sowie persönlichen Einsatz. Auch der sonntägliche Brötchenverkauf kann eine gute Umsatzquelle sein oder der Brötchendienst in Urlaubsregionen.
Wie bewerten Sie die Position des Nahversorgers als Auslieferungspunkt für Online-Bestellung?
Schröder: Das funktioniert aus unserer Sicht sehr gut aufgrund des steigenden Paketaufkommens bei den Verteilern. Für den Betreiber bringt ein Hermes-Paket beispielsweise 50 Cent und rückt den Laden stärker in das Bewusstsein der Abholer, bringt eine höhere Frequenz und auch Neukunden.
Kann der Dorfladen überhaupt den Ansprüchen heutiger Kunden gerecht werden?
Natürlich registrieren wir gestiegene Kundenansprüche. Aber die Nahversorger neueren Datums sind nicht in irgendeiner Starre verharrt. Digitale Waagen, Scanner-Kassen, Bargeldservice, LED-Beleuchtung und verglaste, energieeffiziente Kühlmöbel sind auch hier angekommen. Einige Nahversorger bieten ebenso Lieferservice oder organisieren Sammelfahrten für ältere Kunden zum Markt.
Wie beurteilen Sie die Perspektiven? Steht der Nahversorger bald auf der Roten Liste?
Utz: In unserer Region bin ich sehr zuversichtlich. Wir haben Bürgerläden, die bestehen seit 15 Jahren und zeigen keine „Alterserscheinungen“. Die Fußläufigkeit ist ein klarer Wettbewerbsvorteil, und regionale oder lokale Produkte im Verbund mit einer persönlichen Atmosphäre machen den Unterschied.

(v.l.n.r.) Drei Experten: Matthias Utz, Personalreferent, Jens Schröder, Leiter Vertrieb und Marketing, sowie Geschäftsführer Rainer Utz.