Lebensmittel-Großhändler im Interview: „So etwas habe ich noch nie erlebt“
Quelle: Schwäbische Zeitung, Redakteur Tobias Rehm, 25.03.2020
„So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt Rainer Utz, Geschäftsführer der Firma Utz Lebensmittel, zur aktuellen Lage im Lebensmittelhandel.
Die Lebensmittelbranche im Fokus: Seit Tagen kursieren im Netz und in den Medien Bildern von leergekauften Regalen und vollbeladenen Einkaufswagen, Toilettenpapier wird in Zeiten der Corona-Krise zur Mangelware. Die Firma Utz Lebensmittel Großhandel aus Ochsenhausen beliefert in Baden-Württemberg und Bayern Hunderte Lebensmittelgeschäfte, Bäckereien, Metzgereien, Kioske, Tankstellenshops und Getränkemärkte. „Bis zuletzt konnten uns die Lieferanten gut beliefern“, betont Firmenchef Rainer Utz im Gespräch mit Tobias Rehm. Utz erteilt zudem Spekulationen, dass die Versorgung zusammenbrechen könnte, eine klare Absage und erklärt, inwiefern Läden auf dem Dorf von der derzeitigen Situation profitieren.
Herr Utz, wie nehmen Sie die derzeitige Lage im Lebensmittelhandel wahr?
Wir fahren aktuell natürlich unter Volllast. Wir haben Fahrzeuge sowie Personal angemietet und sind in der glücklichen Situation, dass unser neues Logistikzentrum Ende Februar fertiggestellt wurde und dieses jetzt als Lagerfläche genutzt werden kann. Ab dieser Woche bekommen wir das Toilettenpapier zugeteilt, es scheint hier bei den Kunden keine Sättigung einzutreten.
In welchen Bereichen verzeichnen Sie eine steigende Nachfrage?
Die Leute kaufen viel Toilettenpapier sowie Frisch- und Trockenhefe. Ab dieser Woche bekommen wir das Toilettenpapier zugeteilt, es scheint hier bei den Kunden keine Sättigung einzutreten. Außerdem verzeichnen wir bei der Tiefkühlkost eine deutlich steigende Nachfrage. Dies gilt auch für Konserven und allgemein für Artikel aus dem Hygiene-, Wasch- und Reinigungsbereich. Außerdem werden Tabakwaren gehamstert. Süßwaren werden hingegen deutlich weniger verkauft, bei den Getränken liegen die Umsätze leicht über dem Vorjahr.
Manch einer scheint einen Engpass bei der Lebensmittelversorgung zu befürchten. Teilen Sie diese Befürchtung?
Nein. Für Spekulationen, dass die Versorgung zusammenbrechen könnte, gibt es absolut keinen Anlass. Bislang waren unsere Lager gut gefüllt. Bis zuletzt konnten uns die Lieferanten gut beliefern. Mittlerweile stellen wir aber schon fest, dass der Nachschub bei bestimmten Produkten aus den benachbarten europäischen Ländern etwas stockt. Teilweise haben auch inländische Hersteller zunehmend Probleme, genügend Rohstoffe in der Kürze der Zeit zu beschaffen.
Sind Ihre Lastwagen nun deutlich öfter unterwegs als noch vor ein paar Wochen?
Wir liefern immer bedarfsgerecht, je nach Kunde zwischen ein und fünf Mal in der Woche. Aber wir merken natürlich, dass die Kunden mehr und häufiger bestellen. Am Montag haben wir 50 Prozent mehr ausgeliefert als sonst üblich. Wir hoffen, dass sich die Kunden auch nach der Krise noch an den Dorfladen erinnern.
Profitieren die Dorfläden in besonderem Maße von der aktuellen Lage?
Man kann schon feststellen, dass die Kunden den Laden auf dem Dorf wieder entdeckt haben und merken, dass sie dort auch das komplette Sortiment bekommen. Hier gibt es eine deutlich höhere Nachfrage in der Nahversorgung. Wir hoffen, dass sich die Kunden auch nach der Krise noch an den Dorfladen erinnern. Zumal hier viele Besitzer sehr kreativ sind, indem sie beispielsweise einen Heimlieferservice anbieten. Auf der anderen Seite beliefern wir aber auch Kioske unter anderem in Bahnhöfen, die jetzt teilweise schon geschlossen sind. Auch viele Tankstellenshops reduzieren ihre Öffnungszeiten. Der Absatz wird hier logischerweise deutlich zurückgehen.
In der aktuellen Phase brauchen Sie jeden einzelnen Mitarbeiter. Wie schützen Sie diese vor einer möglichen Infektion?
Das stimmt, wir haben eine wichtige Versorgungsfunktion und müssen schlagkräftig bleiben. Wie überall haben auch wir vorsorglich Mitarbeiter in Quarantäne geschickt. Dies hat zur Folge, dass jeder zweite Arbeitsplatz frei bleibt. Ansonsten haben wir alle möglichen Vorsorgemöglichkeiten getroffen. Wir schauen, dass nicht mehr so viele Mitarbeiter in einem Raum sitzen, Mitarbeiter mit Schlüsselpositionen sind im Home Office. Der Außendienst ist seit zehn Tagen nicht mehr im Einsatz. Sowohl Außendienstmitarbeiter als auch teilweise Verwaltungsmitarbeiter helfen derzeit im Lager aus.
Abschließend noch eine kurze Einschätzung: Haben Sie eine Situation in Ihrer Branche schon einmal erlebt?
Nein. Ich bin seit mehr als 40 Jahren in diesem Geschäft. Aber so etwas habe ich aber noch nie erlebt.

Foto: Lorenz Bee